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Gestern im Bauausschuss Nr. 53

Ich hol’ schon mal das Popcorn

Franz Gerhard, leidgeprüftes Bauausschuss- und Kreistagsmitglied, berichtet in unserer Kolumne.

von Franz Gerhard erschienen am 16.02.2026
„Kommen Sie herein, verehrte Planerin. Wir sind gerade beim Thema ,Stammdurchmesser der Koniferen‘. Sie haben nichts verpasst. Die strittigen Punkte kommen noch.“ © Herbert Druschke
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Einen politischen Schlagabtausch hat wohl schon jeder einmal erlebt. Meist über der Gürtellinie, gelegentlich darunter. Auch wenn die „große Politik“ auf lokaler Ebene eigentlich nicht von Bedeutung sein sollte, lässt sie sich hier natürlich nicht gänzlich ausblenden. Die CDU macht sich Sorgen um die regionale Wirtschaft, die FDP will alles digitalisiert haben, die SPD will den Senioren- und die Linke den Jugendtreff erhalten. Die Grünen fordern lokalen Klimaschutz, die AfD will Deutschlandfahnen vor dem Rathaus und das BSW mit jedem reden. Aber das kennt man ja … So richtig lustig wird es in letzter Zeit eigentlich nur, wenn zu einem Thema unsere Beiräte angehört werden: wie jetzt bei der Gestaltung unseres Rathausplatzes.

Eigentlich war das bislang kein richtiger Platz, sondern ein Rasenstück, das man aus Verlegenheit mit einer Hecke umgeben hatte. Auf dem Rasen wurden ein paar Zwergnadelgehölze platziert, die zu Riesen mutiert sind (zumindest aus dem Blickwinkel eines Zwergnadelgehölzes). Nun aber sollte dieser Platz doch ein bisschen repräsentativer werden. Vorab wurden daher Senioren-, Gestaltungs- und der Baum- und Naturschutzbeirat befragt. Ersterer forderte totale Barrierefreiheit und 100 Sitzbänke, die Gestalter wollten Sichtachsen und eine zur Rathausarchitektur passende Materialität und Letzterer pochte auf den Erhalt der Koniferen. „Wie bitte?“, schallte es entrüstet aus der Gestalter-Ecke, „das Gelumpe muss weg, die sind doch noch nicht mal heimisch!“ Die Antwort folgte prompt: „Ihnen fehlt der Respekt vor dem Alter!“ Darauf fühlten sich sogleich die Senioren angesprochen: „Wären durch den Erhalt der Koniferen die Barrierefreiheit und die 100 Bänke gefährdet?“ Eine Frau aus dem Gestaltungsbeirat antwortete: „Das sieht dann aus wie auf dem Friedhof. Wollen Sie“, in Blickrichtung Seniorenbeirat, „das wirklich?“

Der Versuch des Ausschussvorsitzenden, die Debatte zu versachlichen, verhalte im Raum. „Zwergnadelgehölze verursachen nachweislich weniger Wurzelschäden an den Wegen und durch den Erhalt könnten ruhige Sitznischen geschaffen werden“, tönte es aus der Ecke des Baum- und Naturschutzbeirates. „Ja, ja, und in diesen Nischen können dann die Senioren perfekt ausgeraubt werden, ohne dass es jemand sieht“, lautete der Gegenangriff. „Da merkt man mal wieder, dass Sie keine Ahnung haben. In einer Zwergblaufichte würde sich niemals ein Verbrecher verstecken, die pieksen viel zu stark.“ Außerdem wären die Gehölze durch die Baumschutzsatzung geschützt. „Das sind doch gar keine Bäume!“ „Das spielt doch gar keine Rolle. Es kommt auf den Stammdurchmesser in ein Meter Höhe über dem Boden an – Sie können ja mal nachmessen!“ „Wie soll man da denn drankommen? Das sieht doch ein Blinder mit ’nem Krückstock, dass das weniger ist.“ Zur Abwechslung gab es eine thematisch korrespondierende Frage von einem Senior: „Wird der Platz ein Leitsystem für Sehschwache erhalten?“ …

So ging das – zur Belustigung der meisten Ausschussmitglieder – noch etwa 15 Minuten weiter, bevor der Vorsitzende den Tagesordnungspunkt für beendet erklärte. Er nickte kurz zur anwesenden Landschaftsarchitektin, die nun erste Entwürfe vorbereiten soll, hinüber und brummte: „Sie haben hoffentlich alles notiert.“

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