
Hört auf zu bauen!
Statt weiter Freiraum gegen Wohnungsnot auszuspielen, wäre es sinnvoller, in den mühsamen, aber notwendigen Umdenkprozess zu gehen, meint Tjards Wendebourg im aktuellen Kommentar.
von Tjards Wendebourg erschienen am 16.02.2026Knallige Überschriften übertünchen oft dürftige Inhalte. An dieser Stelle möchte ich mal eine Ausnahme von der Regel machen. Denn mit „Hört auf zu bauen!“ war im letzten Jahr eine ZDF-Sendung überschrieben, die durchaus spannende Impulse gab. Es ging darin um den „Bauturbo“, mit dem die Bundesregierung die Wohnungsnot lindern will. Ähnlich wie beim „Infrastrukturbeschleunigungsgesetz“ ist auch der „Bauturbo“ in erster Linie eine Lizenz zur Flächenverschwendung.
Weil wir uns mittlerweile in einem Netz aus Regeln verfangen haben, welches schnelles Re(a)gieren fast unmöglich macht, sucht die Politik nach Freiräumen auf unbebauter Fläche. „Neu“ geht immer schneller, als mühsam den Bestand zu sortieren. Dabei wäre es dringend geboten, das bisherige Tun zu hinterfragen und in Richtung zukünftiger Bedürfnisse zu reformieren. Dazu gehört es, die ewige Frage zu beantworten, wie viel Fläche wir weiter der privaten Kfz-Nutzung opfern wollen. Ebenfalls müssen wir uns fragen, ob wir weiterhin manche Orte verfallen lassen, während andere aus allen Nähten platzen. Wer zum Beispiel in Zukunft noch in München wohnen soll, wenn die Preise weiter so steigen, bleibt ein Zukunftsrätsel. Es gibt ja nicht zu wenig Wohnraum, sondern zu wenig Wohnungen an bestimmten attraktiven Orten. Dies ließe sich durch Angebotssteuerung und die Steigerung der Attraktivität anderer Orte lösen (Spoiler: extremistische Lokal- und Regional- und Landespolitik bewirkt das Gegenteil).
Auch die Frage, ob es sinnvoll ist, Klimagerechtigkeit auf die energetischen Werte eines Gebäudes zu beziehen und nicht auf den gesamten Entstehungsprozess, ist eine generelle. Sie wurde ebenfalls in der genannten Sendung aufgeworfen. Sprich: Wollen wir die energetische Superwohnung oder wollen wir nicht lieber darauf schauen, dass über Umnutzung und Recycling günstig und flächensparend Wohnraum entsteht, dessen energetischer Wert vielleicht im Detail unter dem Goldstandard liegt, in der Summe aber eine bessere Bilanz erzielt? Das pointierte „Hört auf zu bauen!“ zielt dabei auf die weitverbreitete Unsitte, den Stadtrand durch Siedlungen zu verwüsten, landwirtschaftliche Nutzflächen zu veraasen, während im Stadtzentrum oder an dessen Rand gigantische Flächen ein unterqualifiziertes Schattendasein führen.
Fläche ist ein begrenztes öffentliches Gut, das nur sehr bedingt dazu geeignet ist, nach den Regeln des freien Marktes gehandelt zu werden. Denn das führt immer zu Unwuchten, Spekulationsblasen, Wucherungen, Leerständen und Mangel. In einem dicht besiedelten Land ist es einfach nicht mehr zeitgemäß, die Matrix des Siedelns ohne strenge Ordnungsprinzipien zu organisieren; und zwar großmaßstäblich, nicht erst auf der Ebene von Flächennutzung und Bauordnung.
Als Planerinnen und Planer haben wir in der Vergangenheit oft davon gelebt, Hochbauelend durch Aufhübschung der Zwischenräume zu kaschieren. Wie wäre es denn mal damit, turbomäßig ins Umdenken zu gehen und den Stadtraum mit einer Neuordnung des Wohnens, Lebens und Naturerlebens neu zu definieren. Jeder Gang durch jede x-beliebige Stadt eröffnet im Kopf gigantisches Potenzial für neuen Wohnraum. Man muss es „nur“ heben.







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