
Es lebe die NI!
Fachkräftemangel und KI-Einsatz sind ein ambivalentes Pärchen, meint Tjards Wendebourg in seinem Kommentar und wünscht sich einen stärkeren Fokus auf das Schärfen des „gesunden Menschenverstandes“.
von Tjards Wendebourg erschienen am 15.04.2026Es vergeht kein Tag, an dem die KI nicht neue Wunder vollbringt. Sie schafft Bilder aus dem Nichts, kreiert Filme ohne Schauspieler, denkt sich scheinbar kluge Texte aus und fischt Ergebnisse aus Myriaden von Daten. Sie zieht in einer Geschwindigkeit in unseren Alltag ein, wie wir es vor Kurzem noch nicht für möglich gehalten haben. Dabei schwankt die Bewertung – wie bei jeder technischen Revolution – zwischen Verheißung und Verteufelung. Das wundert im Fall der KI schon deshalb nicht, weil sie sowohl ein fleißiges Helferlein als auch ein gefährliches Monster sein kann. Alleine der aktuelle Medienrummel um einen Schauspieler, der seine Ex-Partnerin mithilfe eines KI-generierten „Deep Fakes“ missbraucht haben soll, zeigt, wie schnell eine Technik zur Waffe werden kann.
Aber ab von den Putins und Trumps, die als Teletubbies durch unsere Timelines geistern und eher erheitern – auch wenn uns das Lachen angesichts der Realitätsnähe manchmal im Halse stecken bleiben mag – gibt es noch ganz andere Gefahren der digitalen Revolution: Wir vernachlässigen zunehmend die Natürliche Intelligenz; und das, obwohl sie immer notwendiger wird, um das, was wir täglich vorgesetzt bekommen, zu bewerten.
So kann KI zwar wunderbar helfen, den Fachkräftemangel zu kompensieren. Wenn am Ende aber Menschen, die keine Fachkräfte sind, künstlich intelligent generierte Ergebnisse bewerten und abnehmen müssen, sind Katastrophen mindestens wahrscheinlich, wenn nicht gar vorprogrammiert. Denn jedes Maschinenergebnis braucht nach wie vor eine Einordnung – egal, wie gut die KI ist. Fehlt dann aber dafür die Kompetenz, wird das ganze Ergebnis fragwürdig.
Das sieht man schon ohne KI. Die Landschaftsarchitektur greift für die Umsetzung von Projekten mittlerweile auf ein Branchengefüge zu, das sich zunehmend ausdifferenziert und auf das Submissionsgeschäft spezialisiert hat. Die wenigen und oft großen Betriebe kennen die VOB als Arbeitsgrundlage in- und auswendig. Um ihre Marge zu gewährleisten, antizipieren sie schon beim Angebot Löcher in der Ausschreibung, um später mit Nachträgen, Nebenangeboten und alternativen Verfahren aus dem Preisdruck zu kommen. Wehe, wenn es dann auf der Seite von Planung und Ausschreibung an Kompetenz mangelt! Dann dauern die Projekte nicht nur länger, sondern kosten die Bauherrn und -damen auch schnell gehörig mehr Geld. Und wenn dann ein auf die Fehlersuche ausgelegtes System noch ein digitales Werkzeug in die Hand bekommt, dass auf die Suche nach Lücken trainiert ist (und das kommt!), bekommt ein System mit Lücken in der Besetzung ein echtes Problem! Will sagen: Fachkräftemangel in Planung und Ausschreibung – also ein Mangel an Natürlicher Intelligenz – kommt uns teuer zu stehen; ganz besonders, wenn die Gegenüber mit KI umgehen können, sie quasi als Waffe gegen schlechte Preise einsetzen.
Um es konkret zu machen: Zunehmend ist aus dem Landschaftsbau zu hören, dass Planungen nicht zu Ende gedacht oder schlecht ausgeschrieben sind. Solche Klagen hat es immer gegeben – schon, weil auf beiden Seiten des Schreibtisches unterschiedliche Menschentypen agieren und die jeweils andere Seite nicht immer voll verstanden wird. Aber mittlerweile hat das Klagen eine neue Dimension erreicht – eben, weil zunehmende Professionalität auf zunehmenden Fachkräftemangel zu stoßen scheint. Letzteres übrigens nicht nur in den Büros, sondern auch bei den öffentlichen Auftraggebern.
Wir werden Natürliche Intelligenz (NI) und Natürliche Erfahrung (NE) noch herbeisehnen! Denn in einer Zeit, in der nachkommende Generationen immer weiter weg von natürlichen Abläufen sozialisiert werden, bestimmen Automaten zunehmend das Ergebnis; mit allen Kollateralschäden für das Werk, den Preis und die Dauer der Umsetzung.








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