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Im Gespräch mit: Professorin Ursula Nothhelfer (HfWU)

Sunblock City – wie kühlen wir unsere Städte wieder ab?

Die steigenden Temperaturen in unseren Städten zwingen uns zu handeln: Es ist nicht nur eine Frage des Komforts, sondern auch eine Frage der Gesundheit und des Überlebens, wie wir unsere Städte an die erhöhte Hitzebelastung anpassen und uns vor der intensiven Einstrahlung schützen. Ursula Nothhelfer, Professorin an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU) lädt am 18. Juni zur avela-Tagung „Sunblock City“ ein, um über die Zukunft der überhitzten Städte zu diskutieren.

von Heike Vossen erschienen am 21.01.2026
avela Tagung am 18. Juni zu „Sunblock-City“ © Bild mit KI generiert (braun-steine)
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Zur Person
Ursula Nothhelfer
ist seit 2025 Professorin an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU) für Vegetationsplanung und Pflanzenverwendung. Verknüpft damit ist die Leitung der dortigen Lehr- und Versuchsgärten in Tachenhausen und am Braike-Campus.
Die überhitzten Städte sind das Leitthema bei der diesjährigen avela-Fachtagung. Kaum zeigen sich im Sommer 35 Grad, ist wieder von „überhitzten Städten“ die Rede – bis der Herbstregen alles vergessen macht. Beobachten Sie ein nachhaltiges Umdenken in Kommunen und Bürgerschaft? Absolut. Karlsruhe – meine Wahlheimat seit über 20 Jahren – ist inzwischen ein Paradebeispiel dafür, wie Klimawandel spürbar wird: tropische Nächte, überhitzte Plätze, leidende Stadtbäume. Die Stadt hat reagiert und Bürger fordern Maßnahmen wie Trinkbrunnen. Schattenkonzepte, Spielplätze mit Wasserspielen und ein „Stadtplan für heiße Tage“ gehören inzwischen zum Alltag. Was früher Sommer-Thema war, ist heute Daueraufgabe der Kommunen. Karlsruhe hat wie München und manch andere Stadt eine Grünsatzung in Form eines überlagernden B-Plans für die Innenstadt aufgestellt. Sie verpflichtet nun auch bei Neubauten im Bestand zur Begrünung von Dächern, offenporigen Belägen und Bäumen. Ziel ist es, Stadtgrün zu sichern und die Schwammstadt-Prinzipien verbindlich zu machen. Diese „Grünsatzung“ weitet sich so schrittweise auf das ganze Stadtgebiet aus, egal was in den alten B-Plänen stand. Grüne Vorschriften sind die besten Hitzeschutzmittel – noch vor Sonnencreme Faktor 50. Bäume nehmen also eine Schlüsselposition ein, beim Kampf gegen die Überhitzung unserer Städte. Dennoch schwindet die Anzahl unserer Bäume in den Innenstädten. Wie lässt sich das erklären? Denn eigentlich müsste die Baum-Lobby ja viel größer sein. Die Baumlobby ist stark, aber es ist kompliziert. Erstens konkurrieren Klimaschutzmaßnahmen mit Klimaanpassung: Für neue Fernwärme- oder Stromtrassen müssen Wurzeln oder ganze Baumstandorte weichen. Zweitens führt Innenverdichtung zwangsläufig zu weniger Grün pro Kopf und die neue Baunutzungsverordnung lässt da zu viele Schlupflöcher. Und drittens: Selbst wenn Bäume da sind oder wir sie neu pflanzen – sie sterben uns zunehmend nach den Trockenjahren weg. In Karlsruhe müssen jährlich über 1.000 Stadtbäume gefällt werden, bald doppelt so viele wie vor fünf Jahren. Dürre, Hitze, Schädlinge – alles zusammen ein Baum-Stresstest. Spitzahorn und Hainbuche, einst Paradearten in Karlsruhe, kommen kaum noch durch den Sommer. Eine internationale Studie schätzt, dass bis zu 76 % der heutigen Stadtbaumarten weltweit bis 2050 gefährdet sind. Viele Städte hatten in den vergangenen Jahrzehnten ein geringes Artenspektrum und lange Mono-Alleen. Im Unterhalt war man es gewohnt, im Bestand immer die gleichen Baumarten nachzupflanzen, um einheitliche Alleen zu erhalten. Da ist ganz dringend ein Umdenken geboten. Wir haben in Karlsruhe Förderungen zur Anpassung an den Klimawandel beantragt, um unsere Allen langfristig mit angepassten Baumkonzepten umzubauen und um zusätzliche Baumstandorte zu ermöglichen. Das ist in der täglichen Arbeit der Kommunen kaum noch zu leisten: Die Mortalität der Bäume ist deutlich erhöht nach den Trockenjahren, Baumstandorte fallen weg und man kommt kaum noch mit Nachpflanzen und Wässern in der Anwachsphase hinterher.
„Besser ein vitaler Gast als ein heimischer Hitzetoter in den überhitzten Städten.“ Ursula Nothhelfer, Professorin an der HfWU, zur Debatte über Klimabäume
Und wie steht es um den „richtigen Klimabaum“ – da tobt ja fast schon ein Glaubenskrieg? (lacht) Ja, die Debatte hat etwas von einer theologischen Auseinandersetzung. Aber Ideologie hilft dem Stadtklima nicht weiter. Wir müssen pragmatisch denken. Wenn ein Baum Schatten und Kühlung spendet, den zunehmenden CO2-Gehalt in der Atmosphäre gut in Wert setzen kann und sich dabei nicht invasiv verhält, sollte er willkommen sein – egal, ob seine Urahnen in Südfrankreich, Ungarn, Italien oder in der Pfalz wurzeln. Viele meiner Studierenden sind kritisch gegenüber Neophyten, aber Differenzierung ist wichtig. Nicht jede fremde Art ist ein ökologischer Feind. Karlsruhe experimentierte schon im ersten Botanischen Garten mit Arten, die heißen, trockenen Sommern in der Rheinebene besser trotzten und gut durch den Winter kamen, das ist ja auch ein Teil unserer Gartentradition. Wir haben auch in Karlsruhe über 100 Jahre alte vitale Zyrgelbäume, Zerreichen, Pinien, Turners Eichen und Blumeneschen. Jetzt müssen längst die nächsten Neuen kultiviert und getestet werden, statt noch lange auf rückblickende Studien zu warten. Der Zoologische Stadtgarten und Botanische Garten in Karlsruhe sind wahre Arboreten an Klimabäumen, die sich hier schon lange bewährt haben. Unsere Maßgabe als Landschaftsarchitekten lautet: „Besser ein vitaler Gast als ein heimischer Hitzetoter in den überhitzten Städten.“ Selbst Götterbäume können Teil der Lösung sein – sofern sie männlich und nicht „Superspreader“ sind, lassen wir sie weiter wachsen. Es geht um Diversität, um Versuch und Irrtum. Die Stadtnatur braucht in diesen ungewissen Zeiten mehr Versuchsanbau als Verbotstafeln.
Mehr Grün und ein funktionierendes Schwammstadtprinzip verhindern das Überhitzen unserer Städte.
Mehr Grün und ein funktionierendes Schwammstadtprinzip verhindern das Überhitzen unserer Städte. © Bild mit KI generiert (braun-steine)
Bedeutet das, wir müssen unsere Definition von „heimisch“ neu denken? Ganz klar, ja. Das Klima wandert – also müssen wir es den Arten erlauben, mitzurücken. Gebietsheimisch ist aus meiner Sicht ein dynamischer Begriff schon seit den wechselnden Eis- und Warmzeiten und nun mehr und schneller denn je. Wenn die Hainbuche in der Rheinebene vertrocknet, hilft ihr moralische Reinheit möglicher Ökotypen auch nicht weiter. „Ökologische Purität einer einheimischen Kiefer schützt vor Sonnenstich und Diplodia-Triebsterben nicht“ Pinus pinea, die in Karlsruhe schon seit Jahrzehnten den Wintern trotzt, zeigt in Studien eine höhere Widerstandsfähigkeit gegenüber Diplodia als etwa Pinus nigra, die lange als hitzeresilient und industrietauglich gefeiert wurde. Viele meiner Landschaftsplaner-Kollegen sehen das ähnlich. So ein heute schützenswerter Trockenrasen lebt ja auch von den eingeschleppten mediterranen Orchideen und Kräutern: Die ausschließliche Nutzung gebietsheimischer Arten kann Anpassung verhindern. Wichtig ist, invasive Risiken kritisch zu prüfen, aber klimaresiliente Arten zu integrieren – für stabile Ökosystemleistungen und kühlere Mikroklimata.
„Wenn wir Asphalt aufbrechen, müssen wir auch Verwaltungsstrukturen auflockern – sonst wächst das Gras nur zwischen den Zuständigkeiten.“ Ursula Nothhelfer, Professorin an der HfWU
Entsiegelung ist ein weiterer Schlüssel im Kampf gegen unsere überhitzten Städte. Was einfach klingt, ist in der Umsetzung oft komplizierter. Wie sind Ihre Erfahrungen? Sind die Städte dazu auch bereit? Absolut, die Bereitschaft ist da – und sie wächst mit jedem Hitzesommer. In fast allen Kommunen entstehen derzeit Entsiegelungsprojekte, von innerstädtischen Plätzen bis hin zu Wohnquartieren. Die Herausforderung beginnt jedoch nach dem ersten Spatenstich: Der Unterhalt muss leistbar bleiben. Häufig treffen hier die Zuständigkeiten von Stadtplanungs-, Tiefbau- und Grünflächenämtern aufeinander – und nicht immer harmonisch. Manche Schnittstellen müssen buchstäblich neu verhandelt werden. Problematisch wird es, wenn Entsiegelung zu kleinteilig gedacht ist. Kleine entsiegelte Ränder ohne klare Pflegeperspektive kippen schnell in vernachlässigte unklare Zonen. Wenn wir Asphalt aufbrechen, müssen wir auch Verwaltungsstrukturen auflockern – sonst wächst das Gras nur zwischen den Zuständigkeiten. Zum Abschluss – worauf können wir uns bei der diesjährigen avela-Tagung freuen? Auf viele inspirierende Köpfe! Henry Bava aus Frankreich zeigt, wie Entsiegelung, Wasserkreisläufe und Gestaltung Hand in Hand gehen. Frieder Weigand präsentiert hitzeresiliente Ansaaten, die nicht nur schön aussehen, sondern Insekten anziehen – Biodiversität als natürliche Klimaanlage. Sven König quantifiziert konkret Baumleistungen einzelner aufgenommener Bäume im Stadtraum und zeigt uns diese Tools für Kommunen an einem ausgewählten Projekt aus dem noch stärker hitzegeplagten Spanien. Dieter Lohr wird über neue Formen der Dachbegrünung referieren. Und ich selbst berichte gemeinsam mit Mario Köhler vom Gartenbauamt Karlsruhe über das Forschungsprojekt „Urboretum“, das unter Leitung des KIT Karlsruhe untersucht, welche Zuwachsraten eine Palette ausgewählter Klimabäume im Oberrheingraben auch in den Trockenjahren hatten. Grüne Städte sind heute keine Luxusfrage, sondern eine Überlebensstrategie mit Stil, das wollen wir auf der Tagung mit spannenden Beiträgen aus Praxis und Forschung demonstrieren.
avela Fachtagung

Termin: 18. Juni 2026

Ort: Stadthalle K3N in Nürtingen

Programm und Anmeldung: www.hfwu.de/avela-tagung-anmeldung/

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