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Lichtplanung: Dalkebrücke, Gütersloh

Wenn Licht verbindet

Gütersloh hat eine Sehenswürdigkeit: die Dalkebrücke aus schwingenden Cortenstahlbändern besticht auch nachts durch eine stimmungsvolle Beleuchtung. Eine gelungene Koproduktion von Landschaftsarchitekten, Tragwerks- und Lichtplanern.

von Katja Richter erschienen am 12.12.2025
Dynamische Bänder aus Licht und Cortenstahl machen die Dalkebrücke in Gütersloh auch nachts zum Ereignis. © Benno Schulz
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Die Aufgabe des nicht offenen Wettbewerbs war eine barrierefreie Brücke für den Fuß- und Radverkehr über die Dalke und die Bundesstraße 61 westlich der Gütersloher Stadtmitte. Die alte Brücke an dieser Stelle war nicht mehr sanierungsfähig. Lohaus Carl Köhlmos (LCK) Landschaftsarchitekten aus Hannover reizte die landschaftliche Einbindung in den Naturraum: Wo fängt die Brücke an, wo hört sie auf und wie kann man am meisten Bäume schützen? Gemeinsam mit den Tragwerksplanern Drewes + Speth, ebenfalls Hannover, reichten sie eine sehr eigenwillige Brückenkonstruktion ein, die auch städtebaulich eigene Wege ging. Das 200 m lange Bauwerk führt sanft ansteigend und bandartig, von Westen kommend an großen Bestandsbäumen vorbei, überquert die Dalke nahezu rechtwinklig, um dann über die viel befahrene Bundesstraße zu führen. Auf der anderen Seite führt die Brücke am Fluss entlang zurück auf Geländeniveau. Sitzstufen am Ufer und die Verlegung der Querung nach Osten erhöhen die Aufenthaltsqualität und stärken das Naturerlebnis. „Wir waren die einzigen, die einen städtebaulichen Kniff anwandten und mit der Brücke einen Zwischenstopp an einem Jungendspielplatz mit Skate-Anlagen einlegten,“ erzählt Peter Carl beim Video-Interview. Diese Fläche war immer etwas außen vor und wird mit der Brücke nun angebunden, was die Wettbewerbsjury überzeugt hat. „Dazu kam natürlich, dass die Brücke todschick aussah,“ ergänzt der Landschaftsarchitekt schmunzelnd.

Wo fängt die Brücke an, wo hört sie auf und wie kann man am meisten Bäume schützen? Zielsetzung LCK Landschaftsarchitekten
Grundriss: Der Siegerentwurf von LCK überquert die B61 und begleitet die Dalke ostwärts.
Grundriss: Der Siegerentwurf von LCK überquert die B61 und begleitet die Dalke ostwärts. © LCK

Gestalterisches Gespür

Um barrierefrei zu sein, musste die Steigung möglichst flach verlaufen. „Wir wollten eine kurze Brücke, damit wir nicht zu viel Material verbauen.“ Die beiden Planungsbüros haben schon mehrere Projekte erfolgreich gestemmt und die Abstimmung mit den Tragwerkplanern lief laut Peter Carl auf gut eingespielter Augenhöhe. Durch die Vision einer flachen, transparenten Brücke fielen bestimmte Brückentypen mit hohen Pylonen oder massivem Betonpfeilern von vornherein aus. Inspiriert ist die Dalkebrücke am Ende durch ein gemeinsames Brückenprojekt in Göttingen, das nach dem gleichen statischen Bauprinzip funktioniert: Die wellenförmigen, an Wasser erinnernde Linien des 1,30 m hohen Brückengeländers aus 40 mm starkem Rohstahl übernehmen die tragende Funktion. Die im Brennschneidverfahren entstandenen Bogen- und Seillinien sind integraler Bestandteil des Tragwerks, das Pfeilerabstände bis zu 30 m überspannt.

Die wellenförmigen, an Wasser erinnernde Linien des 1,30 m hohen Brückengeländers aus 40 mm starkem Rohstahl übernehmen die tragende Funktion. Statikprinzip der Brücke

„Das vertikale Pfostenmuster wird mit einem horizontalen Band an spielerisch ondulierenden Kurven überlagert, deren Verlauf den Kraftfluss im Bauwerk für die Nutzenden anschaulich abbildet. Die Materialstärke und die Krümmung der Geländerplatten sorgen für ausreichende Knickaussteifung, sodass zusätzliche Verstärkungen der Obergurte nicht notwendig sind“, formuliert es die Laudatio des dafür erhaltenen Ingenieurpreises des Deutschen Stahlbaus 2024 und ergänzt als bemerkenswert: „dass die Stabilitätsnachweise mit dieser neuartigen Form entsprechend geführt wurden.“ Für die Tragwerksplaner war das thermische Verhalten einer derart geschlängelten Brücke besonders anspruchsvoll, weil die in alle Richtungen entstehenden Verwerfungen in die statische Berechnung mit einfließen. Die Haupttragelemente kommen ohne Verbindungsmittel wie Schrauben oder Schweißen aus, was zu einem minimalistischen, aufgeräumten und eleganten Ergebnis führt. Herausgekommen ist eine luftig wirkende, skulpturale Konstruktion, die sich harmonisch in den Naturraum einfügt. Der Einsatz von wetterfestem Stahl und der Verzicht auf Korrosionsschutz unterstreichen den minimalistischen Ansatz der Konstruktion.

Im Entwurf hatten sich die Planer die Brücke in einem eleganten goldenen Farbton vorgestellt. „Da hatte die Stadt aber wegen der vielen Abschnitte Sorgen, wenn es eines Tages ans Nachlackieren geht.“ Man einigte sich auf Cortenstahl, also Edelstahl, der selber mittels Oxidation eine eigene Schutzschicht bildet. Der Anmutung der Brücke hat das keinen Abbruch getan, die rostrote Farbe fügt sich harmonisch in den Naturraum und bildet einen spannenden Kontrast zum Grün der Blätter und Pflanzen.

Das skulptural wirkende Geländer nimmt die tragenden Lasten der Brücke auf, die Brückenpfeiler sind lediglich Stützen.
Das skulptural wirkende Geländer nimmt die tragenden Lasten der Brücke auf, die Brückenpfeiler sind lediglich Stützen. © Benno Schulz

Der Teufel steckt im Detail

So leicht und luftig die Balustrade nun im Raum schwebt, waren dafür mehrere Versuche notwendig, bis das ausgeschnittene Muster wirklich gut aussah, Grate mussten entschärft und die passenden Radien ermittelt werden. Mühevoll hat Carl auch die Erstellung der anschließenden Parkwege in Erinnerung. Hier kam eine Ingenieurbaufirma zum Zuge, die hauptsächlich im Autobahnbau tätig ist und es gewohnt war, sich streng an die am Schreibtisch ermittelten Messpunkte zu halten: „Ein Landschaftsgärtner hätte die Wege einfach harmlos in die Landschaft integriert, auch wenn mal eine Wurzel im Weg gewesen wäre.“

Auch bei der Wartung der Brückenlager hat der Landschaftsarchitekt dazugelernt. Die beweglichen Auflager zwischen Pfeiler und Bodenplatte müssen regelmäßig gewartet werden, auch an den flach in die Erde versinkenden Enden der Brücke: „Dafür brauchte es zusätzliche Kriechgänge, die aus Sicherheitsgründen abgedeckelt sind und sich bei Bedarf gut öffnen lassen müssen.“

Beleuchtung als Konzept

Nachts reflektiert der helle Bodenbelag genug Licht und schützt zugleich vor zu viel Lichtemission
Nachts reflektiert der helle Bodenbelag genug Licht und schützt zugleich vor zu viel Lichtemission © SNM

Die Aufgabe der Lichtplanung bestand darin, die transparente Gestaltung des Brückengeländers und den großzügig geschwungenen Verlauf auch im abendlichen Bild erlebbar zu machen. Mastleuchten kamen für die Landschaftsarchitekten schon aus gestalterischen Gesichtspunkten nicht infrage. Lichtemissionen waren aus ökologischen Gründen zu vermeiden. Wie beim Nachtangeln lockt man mit künstlichem Licht die Fische im Gewässer an und irritiert sie. Die Beleuchtung sollte zudem den Blick über das Geländer hinweg in den abendlichen Landschaftsraum nicht stören und die Autofahrenden auf der darunterliegenden Straße nicht blenden.

Mit dem Lichtplanungsbüro Schmitz Schiminski Nolte Mathee (SNM) planen LCK schon seit über 20 Jahre zusammen Fußgängerzonen und Stadtplätze; die Zusammenarbeit findet in der Regel schon in den ersten Leistungsphasen statt, um auch tatsächlich realisierbare Visionen zu entwickeln. Diesmal wurde SNM direkt durch den Bauherrn beauftragt. Für Matthias Schiminski war durch die gestalterische Herausforderung mit dem zuerst goldfarbenen Anstrich, aber dann auch Cortenstahl, schnell klar: „hier konnten wir auf keinen Fall sichtbare, ergänzende Leuchtenkörpern anbringen.“

Die Lösung lag in einem im Handlauf integrierten Leuchtband, das ein möglichst durchgängiges Licht erzeugt und fließend die Brücke begleitet. Kompliziert machte dabei, mit den geradlinigen LED-Modulen von 51 und 101 cm Länge der Kontur des Geländers mit ausschließlich gebogenen Strecken in einem minimalen Radius von 23,50 m zu folgen. Der besondere Trick: das Leuchtenelement hat im 20-mm-Nutenrohr so viel Spiel, dass es auch eine Biegung nach fahren kann. Vier vertikale Konsolen, die beidseitig 25 m versorgen, führen die Stromkabel aus den Trafokästen für die Niederspannung in der Bodenplatte nach oben.

„Natürlich passten die Abstände zwischen den Konsolen nicht millimetergenau auf unsere Leuchtenkörper“, führt der Lichtplaner aus: „Das jeweils letzte Stück in jedem der vier Abschnitte wurde mit einem maßangefertigten Passstück aufgefüllt, das der Leuchtenhersteller kurzfristig nachlieferte.“

Am Musterstück wird in der Werkshalle der beste Abstrahlwinkel empirisch getestet.
Am Musterstück wird in der Werkshalle der beste Abstrahlwinkel empirisch getestet. © SNM
Nicht sehr ergonomisch, dafür schnell ging die Montage der selbstschneidenden LED-Module.
Nicht sehr ergonomisch, dafür schnell ging die Montage der selbstschneidenden LED-Module. © SNM

Der richtige Winkel

Handarbeit war auch die leicht diagonale Anordnung des Leuchtbands. Schon im Büro experimentierten die Lichtplaner, in welchem Winkel das Licht ausfallen sollte. Ein leichtes Streulicht auf der dunklen, heterogenen Fläche des Geländers war zu vernachlässigen, das Lichtband sollte aber so nah wie möglich an der Brüstung anfangen und dann vom hell gestrichenen Belag abstrahlen. Für die Feinarbeit traf man sich abends in der Werkshalle des Stahlbauers Rohlfing in Stemwede. „Das waren spannende Termine und hat wirklich Spaß gemacht,“ erinnert sich Schiminski. Mit Magnetkonsolen an einem Musterstück testeten sie die verschiedenen Winkel und stellten dabei fest: „Wir wollen gar nicht die perfekte Ausleuchtung des Wegs! Die Streifenwirkung durch helle und dunkle Bereiche erhöht zusätzlich die Dynamik und Kurvenwirkung der Brücke.“

Über vier vertikale Konsolen wird das Flachbandkabel mit 24 Volt Strom versorgt
Über vier vertikale Konsolen wird das Flachbandkabel mit 24 Volt Strom versorgt © SNM

Die mit 24 Volt versorgten LED-Leuchten haben sogenannte Piercing-Kontakte, die beim Einsetzen automatisch die Isolierung zum stromführenden Flachbandkabel durchdringen. Dadurch ist kein Verkabeln notwendig und die Leuchten können einfach eine nach der anderen eingesetzt werden. Das Montageteam aus zwei Mann war schon nach drei Tagen fertig, sehr respektabel findet der Fachmann.

Ab 21 Uhr wird die Lichtleistung heruntergefahren. Das spart Energie und schützt die Fauna vor nächtlicher Lichtverschmutzung. Die Farbtemperatur von 3.000 Kelvin ist mit der Unteren Naturschutzbehörde abgestimmt.

Siegerentwurf: Der goldbronzefarbene Anstrich aus dem Wettbewerb musste praktischen Argumenten weichen.
Siegerentwurf: Der goldbronzefarbene Anstrich aus dem Wettbewerb musste praktischen Argumenten weichen. © LCK
Autor:in
Katja Richter
war lange als Landschaftsarchitektin tätig. Als Fachjournalistin und Buchautorin schreibt sie über Grün|Stadt|Klima für deutschsprachige Fachmedien, Tageszeitungen und Publikumsmagazine. Kontakt: richter@gruen-werk.com
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